Sonntag, 13.08.2000
[An meine Eltern]
Hm, ihr wundert euch jetzt sicherlich, warum ich euch
einen Brief schreibe. Denn schließlich seid ihr immer in meiner Nähe, sodass ich
normal mit euch reden könnte. Doch ich kann nicht darüber reden. Nicht
persönlich. Ich habe sehr, sehr lange darüber nachgedacht, ob ich euch diesen
Brief überhaupt schreibe. Ich habe mit .T.M. und mnemo darüber gesprochen. Beide
sagten ihr solltet es wissen. T.M. wollte euch sogar schon mal anrufen... Jetzt
habe ich beschlossen diesen Brief zu schreiben. Die letzte Woche alleine hat mir
sehr gut getan, da ich sein konnte wie ich bin. -traurig, verletzt, einsam...
[meine Eltern waren eine Woche im Urlaub, und ich die Zeit über alleine in
unserem Haus] Ich habe oft geweint, fast geschrieen. Ich konnte alles
rauslassen, ohne dass es jemand bemerkte. Es gibt natürlich Gründe dafür, warum
ich so bin. Es ist schwer zu erklären, und es tut mir weh. Weil ich auch weiss,
es wird euch mehr wehtun als mir. Hab auch grad keine Ahnung, wo ich anfangen
soll. Zuerst möchte ich sagen, dass es mich sehr viel Überwindung kostet euch
Dieses aufzuschreiben.
Ich fange an mit einem Zitat: ICH GLAUBE ICH LEBE WIE EIN CLOWN, MAN WÜRDE AUCH
BEI IHM NICHT AUF DIE IDEE KOMMEN, DASS ER INNERLICH EIN GANZ EINSAMER UND
TRAURIGER MENSCH IST.
Ich bin einsam und traurig. Auch alles innerlich. Ich versuche es nicht nach
außen zu bringen, weil ich meiner Meinung nach selbst Schuld habe, dass ich so
bin, wie ich jetzt bin. *tiefdurchatme* Also, es war denke ich im Januar. Ich
habe an dem Tag mit jemandem geschlafen. Es war nicht das erste Mal mit ihm, und
es war sonst auch immer schön gewesen. Doch, es tut weh das zu sagen, an dem Tag
war es nicht schön. Es hat wehgetan. Seelisch, wie auch körperlich. Ich möchte
nicht beschreiben, wie, wobei und wo es genau wehgetan hat. Ich hoffe ihr
versteht mich. Aber dass es wehgetan hat sollte noch nicht alles sein. An
anderen Tagen haben wir wieder Sex gehabt. Bitte fragt nicht, warum ich wieder
mit ihm im Bett war. Ich weiss keine wirkliche Antwort. Jetzt würde ich sagen -
Gefallen - Gewohnheit...!? Ich weiss es nicht... es war jedenfalls nicht mehr
schön wie vorher, sondern ich habe meinen Körper zur Verfügung gestellt. Bitte
seid mir deswegen nicht böse, denn ich leide darunter schon genug.
Nicht, dass meine Seele verletzt ist, das ist sie sowieso, sondern es gibt noch
etwas. Mein Körper ist auch verletzt. Verletzt durch Messer, Klingen... Auch
dieses sage ich nicht gerne, denn ich weiss ihr habt mich gut erzogen, so
erzogen, dass ich mit euch reden kann. Ich kann mit euch über diese Dinge aber
nicht sprechen. Ich schäme mich sehr dafür. Ich will hier auch nichts
ausführlich erklären, da es mir wehtut darüber zu sprechen - mit euch. Ihr wollt
sicher wissen, warum ich mich absichtlich schneide. - Ich habe zwei Bücher
darüber gelesen. Das machen Mädchen und Jungen unter anderem, wenn sie
missbraucht wurden. Ich wurde nicht missbraucht, ich habe mich missbrauchen
lassen. Ich wollte wegen dem Schneiden schon zum Arzt gehen. T.M. hatte mit
einem Psychologen in Oldenburg gesprochen. Hat ihm von mir erzählt, und der Arzt
meinte, ich solle unbedingt zu ihm gehen, oder zu einem anderen Arzt. Und ich
möchte einerseits hin, und anderseits habe ich Angst. Angst, alles von mir zu
erzählen. Doch ich denke, ohne Hilfe bleibe ich traurig - selbstzerstörend.
´Versteht ihr?! Ich möchte Hilfe. Ich möchte nicht mehr in Trägeroberteilen
rumlaufen, weil ich Narben am Arm habe. Bikini?! Schon gar nicht, hab Narben in
Höhe der rechten Rippe. Nicht viele, nicht sehr auffällig, doch zeigen mag ich
sie nicht. Ich schäme mich dafür, dass ich es gemacht habe. Im Moment schneide
ich mich nicht.
Ich möchte nicht, dass ihr euch Sorgen um mich macht. Ich möchte nur zu einem
Arzt!!! Auch wenn es mir wehtun wird. Die zwei Bücher übers Schneiden...
vielleicht möchtest du, Mama, sie lesen...

In Liebe -> Mandala [an der Stelle stand natürlich mein echter Name]